irrtum testosteronJahrelang beurteilten Wissenschaftler die Wirkung eines erhöhten Testosteronspiegels falsch. Eine neue Studie zeigt: Das Männlichkeitshormon steigert nicht die Aggressivität, sondern stärkt die soziale Ader.

Menschen mit einem künstlich erhöhten Testosteronspiegel verhandeln fairer als Menschen, deren Blut einen normalen Wert des Hormons aufweist. Zur dieser Erkenntnis kamen britische und Schweizer Wissenschaftler, als sie die Fairness von Probanden untersuchten, die unter Einfluss des Geschlechtshormons standen. Das Ergebnis widerspricht der allgemeinen Annahme, dass Testosteron aggressiv und unsozial stimmt. Auch die Probanden waren von dem Volksglauben beeinflusst, so dass sie ungerechter handelten, wenn sie glaubten, dass sie das Männlichkeitshormon und kein Placebo erhalten hatten. Die Wissenschaftler um Christoph Eisenegger von der Universität Zürich glauben, dass das Testosteron im Zusammenhang mit dem sozialen Umfeld zu Fairness führt. Sie stellen ihre Studie in der Fachzeitschrift "Nature" vor (doi: 10.1038/nature08711).

 

 

Die Wurzel des Irrtums

Werden männliche Nagetiere kastriert, sind sie weniger aggressiv und streiten seltener. Wissenschaftler führten dieses Verhalten auf einen reduzierten Spiegel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron zurück und übertrugen es auf den Menschen. So führten Verteidiger in Strafprozessen in den USA beispielsweise schon gesteigerte Testosteronpegel als möglichen Grund für strafmildernde Umstände an. Auch Literatur, Kunst und Medien haben die Vorstellung, dass Testosteron aggressiv macht, zum Allgemeinwissen erhoben.
Eisenegger und sein Team verabreichten 300 weiblichen Probanden eine Dosis Testosteron oder – ohne deren Wissen – ein Placebo. Vier Stunden später beobachteten die Forscher die Fairness der Frauen bei einem Spiel, in dem diese Geldangebote machen mussten. Das Ergebnis: Die Frauen, die Testosteron erhalten hatten, handelten gerechter als die Testpersonen aus der Placebogruppe.

Die Forscher schließen aus ihren Ergebnissen, dass das Geschlechtshormon die Sensitivität für den eigenen Status erhöht. Sie machen die Abweichungen zwischen den Ergebnissen mit Tieren und Menschen an den unterschiedlichen sozialen Systemen fest. "In der sozial komplexen Umwelt des Menschen sichert nicht Aggression, sondern pro-soziales Verhalten den Status", spekuliert Co-Autor Michael Naef.

 

Vorurteil gegenüber der Wirkung

Wie fest die allgemeinen Vorstellungen von der angeblich aggressiven Wirkung des Hormons verwurzelt sind, fanden die Forscher heraus, als sie die Probanden den Test wiederholen ließen: Sie informierten die Frauen diesmal vor dem Spiel, dass entweder Hormone oder ein Placebo verabreicht werden, und fragten die Testpersonen, ob sie glauben, tatsächlich das Hormon bekommen zu haben. Unabhängig von der tatsächlichen Dosis bestimmten die Vorurteile der Probanden gegenüber dem Hormon deren Verhalten: Glaubten sie, das Hormon erhalten zu haben, handelten die Frauen ungerechter. Gingen die Frauen hingegen von einem Placebo aus, reagierten sie gerechter. "Es scheint, dass nicht Testosteron selbst zur Aggressivität verleitet, sondern vielmehr der Mythos rund um das Hormon", berichtet Naef. kh/ddp


08.12.2009
Quelle:  http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/news/aggressivitaet-der-irrtum-ueber-testosteron_aid_461343.html